stefscho:Kunsthalle Wil

- K U N S T H A L L E    WIL-

Poststr. 10, 9500 Wil, Switzerland

"Projektionen" von steffenschöni:

Ausstellung: 31. Jan. - 8. März 1998

 

Eroeffnung mit Frank Nievergelt (Leiter der Kunsthalle)

Die Kunsthalle steht undogmatisch allen Kunstrichtungen offen, allen Künstlern, die sich ernsthaft suchend um eine persönliche Botschaft bemühen. Forschend, experimentierend, tut dies das Künstlerpaar Heidi Schöni und Karl Steffen. Alle Werke haben einen inneren Zusammenhang, auch wenn sie durchaus nicht immer gemeinsam geschaffen wurden. Die Beeinflussung ist gegenseitig: Heidi Schöni ist Malerin, Karl Steffen Fotograf und Performance-Künstler. Am augenfälligsten erleben wir die Zusammenarbeit an der malerischen Qualität der kameralosen Fotografien, den Redprints und Blueprints. Was wir nicht sehen, ist die Tatsache, dass während der Entstehungsphase der Werke alle Qualitäten der Künstler gefragt sind: Photograph, Malerin, Bewegung und das Arbeiten mit Licht. steffenschöni sammeln transparente Plastikverpackungen von Baustellen, Pflanzenteile und andere Objekte.

Auf den grossen Helio- oder Lichtpauspapierbahnen werden diese Dinge nun in bestimmte Anordnungen gebracht, der Sonne ausgesetzt und über die Dauer, während dem durch den chemischen Prozess auf dem lichtempfindlichen Papier der Schattenwurf der inszenierten Materialien und Gegenstände sich als rostrotes bis violettes Bild manifestiert, greifen die Künstler in den Bildprozess ein. Sie decken beispielsweise Segmente auf und ab und geben den Bildbahnen durch die filmstreifenähnliche Unterteilung den Eindruck von ablaufender Zeit sichtbar mit. In den gewölkten, zwischen Schärfe und Unschärfe oszillierenden Bildern, die einen Blick in den Himmel ebenso wie denjenigen in Wasser evozieren, taucht in Form von lesbarer Schrift die banale Alltagswelt empor. Es sind die für die 90er Jahre so typischen Hinweise, Vorschriften, Warnungen und Verfalldaten, die sich auf transparenten Warenverpackungen befinden, wie beispielsweise: „Plastiksäcke dürfen nicht über den Kopf gestülpt werden, Erstickungsgefahr", oder „unschädlich vernichtbar". Naturerscheinungen überblenden sich mit der Alltagswelt, die sich leitmotivisch durch die ganze Ausstellung zieht, wenn auch durch den Zusammenhang verfremdet. Verfalldaten und Hinweise auf die Vernichtbarkeit der Verpackungen bilden die zeitgemässen Verweise auf die irdische Vergänglichkeit, der Sensemann hat ausgedient.

Die roten Wolken–Lichtpausen werden hier in Beziehung gesetzt zur Videoprojektion von „Mondmedusen", blauen, im Wasser schwimmenden Quallen, die den Wasser-Naturkreislauf schliessen. Gleichzeitig wird so neben dem Plastikmaterialkreislauf auch das nächtliche Gestirn in den Dialog miteinbezogen. Diesselbe Sonne lässt die Bilder sich wachsend entwickeln, in Schmidshof bei den roten, in Japan – genauer in Tokyo – bei den blauen Lichtpausen. Den Dialog zu den in Japan geschaffenen Lichtpausbildern nimmt die Videoprojektion der Reklamespots von japanischen Fernsehsendern auf. In Schmidshof wurden die Sender empfangen und die Bilder festgehalten. Der immense, die ganze Erde umrundende Fluss von Informationen und Bildern, die irgendwo angezapft und abgerufen werden können, wird auch in den weiteren Arbeiten heraufbeschworen. Wenn Künstler wie Steffen Schöni elektronisch übermitteltes Bildmaterial verwenden, vom Fernsehen oder mit digitalen Kameras und Videogeräten selbst aufgenommen, dann steht ein brennend aktuelles Problem im Raum. Das Schicksal des Realen in der technischen Moderne, das Jenseits der Bilder, das zu Grunde liegende muss befragt werden. Die Massenmedien als manipulierte Wirklichkeit sind ebenso angesprochen wie die durch die zellophanverpackte Warenflut von Überflüssigem und Ramsch verführten Menschen unserer Welt.

Der mit einer Digitalkamera festgehaltene Blick auf den Schrott, der sich schämen müsste, das Licht der Welt erblickt zu haben, wird als entmaterialisierte Lichtprojektion an die Wände der grossen Halle geworfen. Als Ausschnitte von aufgereihten Warenauslagen werden die Objekte zu Strukturen, zu Sinnbildern einer Gesellschaft, die sich ihre Projektionsobjekte als Liebesersatz leisten kann. An dieser Welt einer künstlich geschaffenen Natur können sich unsere Sehnsüchte nähren. Diese bleiben ungreifbar wie das Lichtbild an der Wand. Ihre Existenz beweisen die Blicke auf die ebenso bizarre wie alltägliche Warenwelt.

Der in der Ausstellungsinszenierung zum Tragen kommende Gedanke, prozesshafte Abläufe als Erlebnis von Zeit im Schaffen nachvollziehbar darzustellen, kulminiert in einem eigentlichen „Work in progress", das, einmal abgeschlossen, die Rückwand der grossen Halle in zwei riesige Bilder aus je vier Papierbahnen verwandelt. Sie nehmen nach und nach aus den Einzelteilen zusammengesetzt Gestalt an. Eine Videokamera, die sich unterhalb der Kunsthalle in den Räumen der Blaukreuz-Brockenstube befindet, übermittelt die aufgenommenen Bilder an den in der Halle installierten Monitor. Kontinuierlich drucken steffenschöni die elektronisch aufgezeichneten und in viele Bildsegmente aufgeteilten Bildinformationen im Atelier auf Papierbahnen von 90x380 cm. Mit den Bildern der Sekundärverteilerin Brockenstube, wo die Dinge nun vereinzelt angeboten werden, ist der in den Verpackungen angedeutete Warenkreislauf wieder aufgenommen. Die Geschichte erzählt als Ausschnitt von Wirklichkeit vom Schicksal des Realen in der technischen Moderne.

gesh06.jpg (23339 bytes)Um Aussen und Innen, um Licht und Schatten im weitesten Sinne, um Natur und um von Menschenhand Geschaffenes geht es und darum, wie sehr überarbeitete Bilder und Texte unser Bewusstsein prägen. Steffen Schöni werfen ein Schlaglicht auf die zunehmende Tendenz, die Welt nur noch als elektronisch verarbeitete und übermittelte Bilder zu konsumieren, nicht zur Realität hinzugehen, sondern deren Abbilder zu sich in die Stube kommen zu lassen. Die Ausstellung spannt den Bogen von direkt unter Ausnützung eines chemischen Prozesses mit Licht erzeugten Bildern zu solchen, bei denen neueste technische Errungenschaften zu ihrer Erstehung eingesetzt worden sind. An beiden Enden lassen die Künstler die Gegenwart mit Gegenwärtigem aufscheinen. Was mit dem Aufkommen der elektronischen Medien, der computergestützten Datenverarbeitung, -spei-cherung und -übermittlung eingesetzt hat, lässt sich durchaus als die innert kürzester Zeit einsetzende Vorherrschaft einer „technischen Einbildungskraft" lesen. Sie hat das, was der Mensch bisher als seine Umwelt zu erkennen gewohnt war, radikal umgeformt.

Künstler sind Entdecker im Reich der sichtbaren Welt, und je nach Konstellation auch im Universum dessen, was sich nur dem inneren Auge der Imagination erschliesst. Mit Licht als Gestaltungsquelle geben uns Steffen Schöni einen Schlüssel dazu.

Frank Nievergelt